the wagenburgs of berlin

Nach 11 Wochen ist die Ausstellung “Wagenburg Leben in Berlin” zu Ende gegangen. Insgesammt hatten wir über 5.000 Besucher. Ein Erfolg mit dem niemand gerechnet hätte. Vielen Dank an dieser Stelle an alle Helfer und Gäste.

Momentan denken wir darüber nach die Ausstellung unter Einbeziehung der lokalen Wagenburgen auch in Genf, Paris und eventuell weiteren Städten zu präsentieren.  Bei Interesse könnt ihr euch gerne bei uns melden. Wir sammeln auch weiterhin Exponate, Kunstwerke und Foto- bzw. Filmmaterial.

Einführung in die Ausstellung

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Das Anliegen dieser Ausstellung ist es, Menschen zusammenzubringen, die in den heute noch in der Stadtlandschaft Berlins existierenden Wagenburg-Siedlungen leben, und ihnen eine Plattform zu bieten, von ihrem Leben, ihrer Geschichte, von ihren Hoffnungen und Träumen zu erzählen.

Von Beginn an war klar, dass der Umfang des Projekts nur begrenzt bleiben würde, da nicht alle Bewohner der Wagenburgen am Projekt mitwirken konnten oder wollten.

Wagenburgen sind nach wie vor ein höchst umstrittenes Thema,  stellen sie doch die Konventionen, Regeln und Gesetze der Gesellschaften, in denen sie entstehen, grundlegend in Frage. Ihre Bewohner sind es gewohnt, missverstanden zu werden und sind sich durchaus bewusst, dass alle Äußerungen über ihre Lebensentscheidungen und Sehnsüchte ebenso gegen sie verwandt werden können. Deshalb sprechen sie nur mit größter Zurückhaltung über sich selbst und ihre Gefühle.

Nichtsdestoweniger ist die Entstehung von Wagenburgen alles andere als zufällig oder etwa auf  die Leichtlebigkeit ihrer Bewohner zurückzuführen. Vielmehr sind die Ursachen ihrer Existenz und die Beweggründe, in ihnen zu leben, äußerst vielschichtig. Wir suchen hier nach Anhaltspunkten, die uns helfen, ein gesellschaftliches Phänomen zu begreifen. In einer Gesellschaft, in der Profitdenken und Gewinnstreben zunehmend zu sozialen Verwerfungen führen, in der Konsumorientierung, die rückhaltlose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, Umwelt schädigendes Verhalten und Verschwendung einhergehen mit Armut, werden zahlreiche, von der Dominanzkultur Ungewollte an den Rand gedrängt. Die Stimme dieser “Marginalisierten”, die hier dennoch versuchen zu überleben und sich zu behaupten, indem sie ihren eigenen alternativen Lebensstil entwickeln und ihre eigene Lebensauffassung vertreten, kann nur konstruktiv und fruchtbar wirken.

Die Objektivität von in der Vergangenheit zu diesem Thema veröffentlichten, teilweise von einer  befremdeten, eher abwertenden Sichtweise geprägten Beiträgen kann endlich hinterfragt werden. Der Versuch von Gemeinschaften unterschiedlicher Altersgruppen, Geschlechter und Herkunft in dieser spezifischen Weise zu leben ist vermutlich Ausdruck tiefer liegender elementarer Bedürfnisse und Entbehrungen.

Vor diesem Hintergrund erschien es notwendig, die Debatte erneut anzustoßen.

Ganz selbstverständlich wurde klar, dass jeder einzelnen Wagenburg eigener Raum in der Ausstellung zur Verfügung gestellt werden sollte, mit aller Freiheit, ihn den eigenen Vorstellungen entsprechend zu gestalten  und zu erfinden …auch mit der Freiheit, diese Möglichkeit nicht zu nutzen, weiterhin zu schweigen, noch nicht einmal erwähnt zu werden.

Es ist nicht möglich, verallgemeinernd von “den Wagenburgen” zu sprechen. Die Ausstellung zeigt, dass jede Wagenburg oder jeder “Standort” (räumlich ineinander verschlungene kleine Plätze, an denen sich Wohnwagen und Transporter um eine Feuerstelle versammeln) seine eigene Lebensweise, eine eigene Form kollektiver Identität oder Symbolik pflegt. Die Menschen scheinen sich instinktiv und geleitet von gegenseitigem Respekt, manchmal sogar aus Liebe (wie in einem der auf Video gezeigten Interviews erwähnt) zusammen zu schließen. Es gibt nicht zwei Wagenburgen, in denen das Leben in derselben Art und Weise “funktioniert”. Jede einzelne ist eine offene Versammlung starker Persönlichkeiten und Charaktere, die nicht zwingend Ansichten und Meinungen teilen oder gemeinsamen Idealen anhängen. Jeder möchte zwar in seiner Wagenburg leben, aber auf individuell besondere  Weise.

Wir entdecken hier eine Sammlung von Strukturen/Skulpturen, Tafeln, Installationen und Objekten verschiedener Wagenburgen. Sicherlich wäre es wünschenswert, die Sammlung wäre umfangreicher, auch mag man Erklärungen und historische Zuordnung vermissen. Aber die Entscheidung Einiger, nicht mehr als die Ansicht von Bildern und Objekten mit uns zu teilen, will als ihre bewusste Entscheidung akzeptiert sein. Allein die Möglichkeit zu reden ist oft nicht so einfach zu ergreifen, wie wir uns dies vorstellen. Dies verweist darauf, dass wir hier Zeuge schwieriger sozialer Erfahrung sind, die oft mit traumatischen Erinnerungen verbunden ist (man denke z. B. an die Begegnungen mit Polizei und Pressevertretern, die Konflikte mit den gesetzlichen Eigentümern von Grundstücken, auf denen sich Wagenburgen ansiedeln möchten, auch wenn diese zuvor ungenutzt brachlagen…und die missbilligenden Äußerungen von Nachbarn und Passanten und nicht zuletzt die oft penetrante Neugier von Touristen). Es soll aber auch erwähnt werden, dass einige Wagenburgen mit den Behörden verhandelt und ihre Situation legalisiert haben, was ihnen ein fast friedliches Dasein ermöglicht.

In einer Lebensweise, in der Unsicherheit mit Stolz oder sogar einer gewissen Arroganz (kriegerisch-anarchistisch mit Piratenflaggen) kultiviert wird, in dem fragilen, dem Eindringen auch von zerstörerischen Einflüssen ausgesetzten Gleichgewicht, im Spiel mit dem Risiko, in der vehementen Ablehnung der bürgerlichen Auffassungen von Sauberkeit und Ordnung liegen aber auch Hoffnungen und ein Glaube an unendliche Möglichkeiten.  All dies spiegelt sich vielleicht auch in dem Eindruck des verführerisch Wilden ihrer Präsentationen: die magische Bedrohung ihrer inneren Schönheit.

Presentation text of the exhibition

This exhibition wishes to bring together people who live on those settlements called Wagenburg still visible in the urban architecture of Berlin nowadays, and to allow them to tell about their lives, histories, hopes or dreams, even. But it was evident from the beginning that such a project can only be modest in the sense that not everybody from the wagenburgs would or could even accept it in order to cooperate. Wagenburgs remain a controvertial subject as they do question deeply the rationality and rules of the sociery in which they appear. Their inhabitants are used to misunderstandings and well aware that what they have to say about their choices or aspirations can also be used against them. So they are extremely cautious when they come to express their feelings and speak for themselves.

Nevertheless, wagenburgs did not appear by chance, and even less so because of any deemed superficiality of their inhabitants and the reasons why they exist and wish to survive as such are certainly complex. We are searching here for clues that could help us apprehend a social phenomenon. Indeed, in a society where the logics of profit and growth do create massive entropy, consumerism, restless exploitation of natural ressources, uncontrolled environmental disorders and wastes, along with poverty  that throw towards its margins lots of unwanted from the domineering culture, the voice of the « marginalized » who are trying to survive, assert themselves and give way to their own alternative in lifestyle and philosophy, can only be constructive and educative. Whatever might have been written in the past on the subject, strange enough at times a negative approach that could eventually be questionned in its objectivity, a population of diverse ages, gender and origins intend to live that specific way. It probably responds to necessities and basic needs  remained somewhere  and somehow unfullfiled.

So it seemed necessary to reopen a debate, and it then became quite naturally evident that each wagenburg should have a space of its own in the exhibition with all the liberty to occupy and invent it… or not to take the opportunity and prefer to remain silent, wishing not even to be mentioned if so decided.

One cannot speak of the wagenburgs in general. The exhibition discloses that each group or « place » (spatially, an intricate system of little places where caravans and trucks assemble around  open fires), has it’s own way of existence and collective identity or imagery. People seem to assemble there by mutual instinct and respect, sometimes even because of love (as disclosed in the interviews shown on the video monitors). But no two wagenburgs do « function » in the same way, and each of them is an open assembly of people with strong personalities and characters who do not necessarily think the same altogether or have a common ideal. Everybody wants to live on his wagenburg but in their own particular way.

One discovers here a collection of structures/sculptures, panels, installations and objects proposed by several wagenburgs. It surely could be more extensive and we might eventually miss some explanations and historical perspectives, but if some decided not to do more than share images or objects, we have to respect their deliberate choice. As said before, the mere possibility of speaking is sometimes not so easy to take. This confirms that we are definitely witnessing  a sensitive social experience  with possible traumatic memory (the relationship with the police and the press for exemple, the conflictual exchanges with the legal owner of the land or space where the wagenburgs wish to station, even though it was unoccupied and unused primarily… but also the disaproving judgements and complaints of neighbours or passers-by if not the invasive curiosity of the tourists too). Nevertheless, we must also know that some wagenburgs have negociated with the concerned authorities and experience a rather peacefull legalized stay.

Wagenburgs can probably be understood at best as semi-nomadic structures, cultivating uncertainty with pride or even arrogance (some kind of warrior-like anarchistic outlook with floating pirate flags). Their fragile balance is always suceptible to various intrusions and flirts with a risk of danger (in a blattant challenge with order/purity) but offers the promise of all possiblities and hopes too. Here lies probably the reason why they look so seductively wild and seminal in their presentation : the magical threat of their inner beauty.

So it is suggested that considering what they say and show could be resumed by wandering around the different structures and exhibits. With eyes wide opened, as it seems also to be a very « visual thing », while trying to experience the « feelings » it searches so much to communicate. One might then admit that the craftmanship called on in their making obviously betrays a keen sense of aesthetics. The wagenburgers do have a creative sense of their own, very different one from another but sometimes reminiscent too.

Even if it is certainly here much too early to call it a specific culture, one hopes that this exhibition will ease exchanges and help recognize the full dignity, respect and attention this way of living deserves.

Uncategorized | 9.09.2008 13:56 | No Comments



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